Presseberichte aus dem Jahr 2007 (Juni - Dezember):            [ zurück ]  
Der Schlutuper Engel bietet einen Ort der Trauer
Turnschau begeistert Schlutuper 
Eine Fischfabrik zum Wohnen 
Richtfest für ein "Fünf-Liter-Haus" 
17 Jahre deutsche Einheit: Der Lärm der Einheit 
  

   

 

LN 27.11.2007 von dor
Der Schlutuper Engel bietet
einen Ort der Trauer

Am Totensonntag gedenken Menschen ihrer Verstorbenen. Auf dem Schlutuper Friedhof gibt es dafür jetzt einen besonderen Ort - ein Stein direkt neben der Kapelle, auf dem ein segnender Bronzeengel steht. Im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes wurde das Kunstwerk am Sonntag eingeweiht.

„Die nicht-verbalen Formen der Trauer werden für die Menschen immer wichtiger", berichtet Dr. Christina Kayales, Pastorin der St. Andreas-Gemeinde. Eine Kerze für einen Verstorbenen anzuzünden, bedeute, dass „für ihn das Licht Gottes über den Tod hinaus leuchtet", erklärt die Theologin. In der Kirche St. Andreas, einer alten Fischerkirche, wird die Tradition bereits gepflegt. Auf der Kopie eines Schlutuper Fischerboots können Kerzen entzündet werden. Viele Gemeinden würden das in ihren Häusern anbieten, sagt Kayales. Anders auf den Friedhöfen: Da beschreitet die Schlutuper Gemeinde stadtweit Neuland mit ihrem bronzenen Engel neben der Kapelle. Die Pastorin: „Wir wollen unseren Friedhof noch schöner gestalten. Friedhöfe sind Orte, die uns gut tun und die nicht gemieden werden müssen."

Ein neuer Ort des Gedenkens: Pastorin Kayales (Foto links) weihte auf dem
Schlutuper Friedhof einen Bronzeengel auf dem Stein neben der Kapelle  Foto Tim Jelonnek

 

LN 27.11.2007 von jac
Turnschau begeistert Schlutuper

Mit einer großen Turnschau hat der TSV Schlutup am Wochenende sein
100-jähriges Bestehen ein letztes Mal gefeiert. Fähnchen schmückten die Krümmlinghalle, der 1. Lübecker Fanfarenzug begrüßte etwa 300 Sportler. 500 Zuschauer sahen eine dreistündige Show.

Verschiedene Gymnastikgruppen ließen sich zuschauen, die Dienstags-Gymnastik-Crew begeisterte als „Tanzmäuse". Im Programm: Kinderturnen, Eltern-Kind-Turnen, Männergymnastik nach Rave-Musik, Aerobic. Zu flotten Klängen wurde auch kräftig durch die Halle gewalkt. Die Minis der Fußballer und Handballer zeigten, was sie drauf haben. Ebenso die Leichtathletikjugend, Jugendspaß-Aerobic und schließlich die ganz kleinen Tanzmädchen in rosa Röckchen.

Die Jugendtheatergruppe erntete mit ihren Sketchen Lacher und die Inline-Hockey-Spieler gingen mächtig bepackt zu Werke. Freizeit-Volleyball- und Badminton-Spieler gaben Einblicke in ihr Trainingsprogramm. Die mittlerweile als Aushängeschild des Vereins geltenden Jugendleistungsturner begeisterten mit einer von Schwarzlicht in Szene gesetzten Aufführung im Bodenturnen Auch die kleine Lena-Marie (7) aus Schlutup, natürlich TSV-Mitglied, und Mama Birgit Behrens (44) waren ganz angetan. Die Schau ist in Schlutup nicht mehr wegzudenken - was auch an dem reichhaltigen Kuchen- und Tortenbuffet, an Punsch und Deftigem liegen mag.

Foto (Rüdiger Jacoe): Früh übt sich - auch Marleen Schlüter (2) machte bei der Schlutuper Turnschau mit.

 

LN 11.11.2007 von Josephine von Zastrow

Eine Fischfabrik zum Wohnen

Von der Fischfabrik zum Wohnprojekt:
Im Frühjahr ist Baustart auf, dem Areal Hintern Höfen
in Schlutup. 7,5 Millionen Euro werden investiert.

 

Es ist ein Projekt der besonderen Art - und zwar in jeder Hinsicht. Dort, wo ehemals Fischkonserven gestapelt wurden, werden bald Menschen leben. Doch auf dem 10 000 Quadratmeter großen Areal in Schlutup entsteht keine gesichtslose Siedlung, sondern eine Art lockere Riesen-Wohngemeinschaft - in der jeder aber seine eigenen vier Wände hat. „Hintern Höfen" heißt das Projekt mit Blick auf die Schlutuper Wiek, das sich zudem als neues Zentrum im Stadtteil etablieren will.


Hellbraun oder rot? Henning Brümmer (31,0.), Johanna Reichert (67) und Fritz Steffen(73)
diskutieren über die Farbe der Ziegel.       (Fotos: Neelsen (2), Jelonnek)

Satte 7,5 Millionen Euro wird das kosten, erklärt Volker Holtermann-Köhler (44) von Conplan, der das Projekt mit den Lübecker „smf Architekten" betreut. Er hat bereits viele Wohnprojekte ins Leben gerufen - unter anderem den Aegiedienhof in der Altstadt. Im Frühjahr werden auf dem brach liegenden Schlutuper Gelände, das sich wie ein Dreieck zwischen der Straße Hintern Höfen, Kampstraße und Haler Ort erstreckt, die Bagger anrollen und die alten Gebäude der Fischkonservenfabrik „Anker" abreißen. Sie wurden um 1900 errichtet, sind aber zu marode, um sie zu erhalten. Nur das Gebäude mit der ehemaligen Hausmeisterwohnung bleibt stehen und wird hergerichtet. Dort soll ein Gemeinschaftshaus entstehen.

Auf dem Areal entstehen 3800 Quadratmeter Wohnfläche, aufgeteilt in 50 Wohnungen/Häuser. Gebaut werden acht Mehrfamilienhäuser, die sich teils im Rund anordnen, teils davor fächerförmig wie Strahlen in Richtung Süden zur Kirche zeigen. Auch vier Einfamilienhäuser werden gebaut. Die Gebäude haben ein oder zwei Stockwerke plus ein Staffelgeschoss, alles Energiesparhäuser. Zu einem Drittel werden Sozialwohnungen gebaut, ein Drittel wird Eigentum, ein weiteres werden Genossenschafts-Mietwohnungen.

Zwischen den Häusern gibt es viel Grün, die Stellplätze werden an einem Platz zusammengefasst. Bereits die Hälfte der Wohnungen ist weg, so Holtermann-Köhler. Doch vor allem Familien werden noch für das Projekt gesucht. Die ersten Bewohner sollen Anfang 2009 Hintern Höfen einziehen.

Wer sich hier nun eine Ansammlung von altgewordenen Hippies oder jungen Aussteigern vermutet, liegt falsch. Menschen wie Henning Brümmer (31) werden dort einziehen, nebenan will Johanna Reichert (63) leben. Die Schlutuperin hat sich mit ihrem Mann für 100 Quadratmeter auf dem Areal entschieden. „Für uns war es der richtige Zeitpunkt, eine Wohnung zu suchen", sagt Reichert. Denn ihr Haus in Schlutup sei zwar schön, aber groß und arbeitsintensiv. Das muss nicht mehr sein im Alter. Deshalb ist sie mit von der Partie und kennt bereits viele ihrer neuen Nachbarn. Die ziehen teilweise aus München und Freiburg nach Schlutup.

Von so weit her kommt Familienvater Henning Brümmer nicht, der ebenfalls zu der neuen Riesen-WG zählt. Er wohnt mit seiner Familie zurzeit in der Nähe des Bahnhofs, eines seiner beiden Kinder sitzt im Rollstuhl. Jetzt sind Brümmer und seine Frau froh, eine barrierefreie Wohnung in Haus vier auf dem Areal gefunden zu haben - die „Große Freiheit", wie die Bewohner es nennen. „Es ist gar nicht so einfach so etwas zu bekommen", sagt Brümmer. Was ihn außerdem an dem Projekt in Schlutup überzeugt. „Hintern Höfen werden viele Familien wohnen -das finde ich nicht schlecht", sagt Brümmer. Da haben die Jungs andere zum Spielen - und mit der Betreuung wird es auch einfacher. Frau Reichert meldet Interesse an: „Ich freue mich auf die Kinder, da können mein Mann und ich Großeltern spielen."

Ein „Anker" in Schlutup: Auf dem Gelände (links) der leerstehenden Fischkonservenfabrik entsteht
ein Wohnprojekt - geplant von Rainer Steffen (49), Stefan Franck (46) und Sigrid Meyer (46).

Der Mann des „Ankers" macht mit

Er ist in Schlutup groß geworden, er kennt das Gelände der Fischkonservenfabrik „Anker" in- und auswendig - und jetzt macht er mit beim Wohnprojekt „Hintern Höfen". Fritz Steffen (73) ist der Inhaber des „Ankers", sein Urgroßvater gleichen Namens hat sie 1878 gegründet und aufgebaut. Heute hat die Traditionsfirma ihren Sitz in Dassow, 1997 ist sie gen Osten gezogen. Seither liegt das Schlutuper Anker-Areal brach. Fritz Steffen wollte es immer zu Bauland machen, doch die Sache zog sich hin. Dann erfuhr er von der Möglichkeit, ein Wohnprojekt ins Leben zu rufen - und war angetan. „Ich halte sehr viel von dem Projekt", freut sich Steffen. Gerade dass Junge und Alte dort zusammen leben, es einen Gemeinschaftshaus gibt - davon ist Fritz Steffen begeistert. So sehr, dass er dort jetzt zwei Wohnungen dort gekauft. Denn: „So behalte ich einen Bezug zum Ursprung."

Informationen gibt es bei www.schlutuper-wiek.de

 

LN 11.10.2007 von Sep

Richtfest für ein „Fünf-Liter-Haus"
im Schlutuper Bullenkrooch

Zehn Jahre lang hat die Vereinigte Baugenossenschaft Lübeck nicht mehr neu gebaut. Doch mit der Sanierung im Bestand (13 000 Wohnungen) ist nicht immer das Optimum möglich. So hat die Genossenschaft ihre Strategie geändert. Am Bullenkrooch in Schlutup wurde Anfang des Jahres ein 50er Jahre Bau abgerissen, der durch einen Neubau ersetzt wird. Gestern wurde das 1,5-Millionen-Euro-Projekt gerichtet. Die Fertigstellung ist für März 2008 geplant.

Mit dem Neubau werden gleich mehrere Dinge verbessert. Statt bisher 16 entstehen 18 Wohnungen. Die Quadratmeterzahl wird von 670 auf 960 erhöht. Außerdem verfügen alle Wohnungen künftig über Balkone. Das größte Plus des Hauses sei aber laut Architekt Stefan Oldenburg der Energiespareffekt. „Es handelt sich hier um ein so genanntes Fünf-Liter-Haus", so Oldenburg. Wegen einer besonderen Gebäudehülle, einer automatischen Wohnraumbelüftung sowie einer Solaranlage würde der Energieverbrauch stark gesenkt.

Nach Angaben von Roswitha Antler vom Vorstand handelt es sich bei dem Objekt erst um den ersten Bauabschnitt. Auch das benachbarte Gebäude Am Bullenkrooch soll im nächsten Jahr durch einen Neubau mit neun Wohnungen ersetzt werden. Befürchtungen, dass die gut ausgestatteten Wohnungen leer stehen, hat sie nicht. Durch öffentliche Förderung ist der Mietpreis mit 4,95 Euro je Quadratmeter zunächst festgeschrieben.

Richtfest Am Bullenkrooch:
In dem Neubau entstehen 18 Wohnungen. Das Gebäude wurde als Energiesparhaus konzipiert und wird mit modernster Technik ausgestattet.

Foto: Maxwitat

 

LN 2.10.2007 von Sven Wehde

  17 Jahre deutsche Einheit: Grenzgeschichten aus Ost und West

Der Lärm der Einheit

Veränderung gab es nicht nur im Osten:
Auch der westliche Grenzort Schlutup hatte unter der Teilung und den Folgen der Einheit zu leiden.

Eigentlich ist die Grenze noch da. Hier in Schlutup. In jenem Ortsteil von Lübeck, der sich direkt an Mecklenburg schmiegt. Sie veränderte alles. Sie brachte die Stille in den Ort und den Lärm, manchmal gar den Tod vorbei.

Wenn man verstehen will, was die Grenze mit Schlutup tat, muss man kurz nach dem Zweiten Weltkrieg beginnen. Dem Tag, als der Onkel von Horst P. Schwanke, einem Ur-Schlutuper, von seinem Garten im Mecklenburgischen heimkehrte. Er kam nach Hause und sagte, jetzt sei es vorbei, sie hätten ihm seine Uhr weggenommen. Bis dahin gab es eine tiefe freundschaftliche Verbindung zwischen Schlutup und den Orten im Osten. Man trieb regen Handel miteinander, in Schlutup gab es über 50 Fischräuchereien, in Mecklenburg gab es die Landwirtschaft. „Auch geheiratet wurde nach Selmsdorf oder Schönberg", erinnert sich Schwanke, der noch heute mit seiner Frau Traute im alten Schlutuper Ortskern lebt. Doch nun wagte man sich nicht mehr hinüber und kurz darauf durfte man nicht mehr. Da gab es die Grenze.

Die Räuchereien verschwanden, die Gasthäuser auch. Die Menschen nannten Schlutup „das Dorf hinter dem Wald". „Und es wurde so ruhig, dass es einem unheimlich war", sagt Schwanke. Die einzigen Geräusche waren das Heulen der Kettenhunde und das Knallen der Schüsse.


Natürlich haben sich Marlis und Jürgen Schreiber über die Wende gefreut -
aber die Trabis haben in ihrer Straße auch für viel Lärm und Gestank gesorgt. (Foto: Wehde)

Jürgen Schreiber hat die Schüsse nicht nur gehört. Sein Grundstück, auf dem der heute 60-Jährige mit seiner Frau Marlis lebt, liegt direkt an der Grenze und an der Trave, die Ost und West teilte. Einmal stand er im Garten und sah einen Mann, wie er am Ufer entlang rannte, während die Kugeln neben ihm die Erde hoch peitschten. Bis der Mann schließlich bei ihm im Garten stand. Er hatte es geschafft.

Wenig später stieß Schreiber wieder am Ufer der Trave auf einen Mann. Er hatte es nicht geschafft. Die Wellen warfen seine Leiche gegen die Uferböschung.

Dann kam der Lärm. Es begann 1981, als der Westen seinen Müll auf der Schönberger Deponie im Osten ablud. „Schon morgens standen die Mülllaster Schlange vor dem Haus", sagt Marlis Schreiber. Und das Dröhnen der Motoren sei so unerträglich gewesen wie die Angst um die Kinder, die an den Straßen spielten. Alle drei Minuten sei ein Lkw durch den Ort gerauscht und habe die Gläser in den Schränken zittern lassen. Die Schlutuper waren mit den Nerven am Ende. Und als die Wende Einzug hielt, folgte der Grenzverkehr. Tausende Trabfis schoben sich durch den kleinen Ort und erstickten mit ihrem Zweitakter-Qualm bei einigen sogar die Freude über die Wiedervereinigung. Es war so schlimm, dass Traute Schwanke eines Tages die Nerven verlor. Seit Stunden versuchte sie von der Arbeit nach Hause zu kommen. Aber die Straßen quollen über vor Autos. Irgendwann hat sie es nicht mehr ausgehalten, hat ihren Wagen in den Wald gestellt, sich einen Schal vor den Mund gebunden und ist fast eine Stunde lang heulend zu Fuß nach Hause gelaufen.

Ungefähr dort, wo einst die Grenze war, steht heute ein Schild, das die Durchfahrt nach Schlutup verbietet. Dieses Schild ist die neue Grenze. In Mecklenburg gibt es Enttäuschte, die das Gefühl haben, in Schlutup nicht willkommen zu sein. Und in Schlutup, da gibt es bei vielen immer noch die Angst vor dem Verkehrslärm. Niemand hat Schuld, dass es so gekommen ist. Es zeigt nur, dass die Menschen weiter an der Einheit arbeiten müssen. Bis Schlutup und Mecklenburg vielleicht mal wieder eine tiefe Freundschaft verbindet.