Dokumentationen: (Themen in Schlutup)

 

  LN 27.6.2009

  Bericht: Torsten Teichmann / Fotos: Wolfgang Maxwitat

  

  LN-Stadtspaziergang in Schlutup

  Gelebte Idylle rund um Schlutups Hafen

  

Dörflicher Frieden herrscht rund um die uralte
Schlutuper Kirche. Die Menschen dort genießen
die Idylle abseits der Mecklenburger Straße.

Schmale Gassen, alte Häuser, reichlich Gefälle - und eine Kirche, die dort schon seit 1486 steht: Schlutups alter Kern hat viele Blickwinkel. Wer sich hier niedergelassen hat, bleibt auch meistens. Die 100 Bewohner des Kirchbergs lieben den Flecken.

Wolken treiben am Himmel, verdüstern minutenlang den Tag, dann fallen wieder die Sonnenstrahlen durch das dichte Blätterwerk großer Bäume. Backsteinrot, klinkergelb, fachwerkbraun: Die Fassaden der alten Häuser sind eine bunte Palette. Nicht jedes Gebäude ist historisch, nicht jedes ist eine Schönheit, alle gemeinsam bilden aber ein Quartier mit unnachahmlichem Reiz. Hier wird gelebt und gearbeitet - seit Jahrhunderten. Der Fischfang prägte diesen Ort. Es ist so, als hinge der Duft geräucherter Aale wie eine beschützende Glocke über dem Kirchberg.

Ganz real ist dieser Räucherduft bei Andreas Schaller in der Schlutuper Kirchstraße. Der 48-jährige Industriekaufmann ist seit 17 Jahren Chef der Peter Steffen GmbH mit ihren sieben Mitarbeitern. Seit 80 Jahren hat diese Firma Erfolg mit Fisch - insbesondere mit Geräuchertem. Schaller fühlt sich wohl auf dem Kirchberg. Vielleicht, weil vor der Kirche St. Andreas der alte Fischerkahn „Schlu.2a" liegt. Der war 1965 das letzte Fischerboot dieser Art, das in Schlutup für den Fang von Aal und Hering auf der Trave gebaut wurde. „Das ist hier noch ein Dorf für sich. Rund um den Kirchplatz kennt jeder jeden", erzählt Schaller. Hier könne man noch am Zaun stehen, ein Bier trinken und klönen. Doch der 48-Jährige sieht in Schlutup auch Schattenseiten, beklagt das „Sterben kleiner Geschäfte".

Das passt:: Andreas Schaller mit
Räucheraal vor dem alten Kahn auf dem
St. Andreas-Kirchhof in Alt-Schlutup.


In der Straße Hintern Höfen restauriert der Schlutuper Handwerker Henning Thyen
eine alte Kate. Das Gebäude wird ein
Atelier des Bildhauers Winni Schaak.

Nur wenige Schritte vom Fischereiladen entfernt arbeiten Küster Klaus Zerbe (54) und Kirchenmusikerin Elke Raths (59) in der schummrigen Kirche. Die Musikerin ist untrennbar mit ihrem Geburtsort Schlutup verbunden, kann vom Kirchberg nicht lassen. Sie zog weg, kehrte zurück, ging wieder weg, ist wieder da - bleibt für immer: „Ich habe vier Jahre in Lübecks City gewohnt und war dort einsam, trotz vieler Menschen." Den dörflichen Charakter Schlutups will sie nicht mehr missen, auch wenn man „für jede Nähnadel nach Lübeck fahren muss". Küster Klaus Zerbe lebt seit seiner Kindheit in Schlutup: „Wegziehen kommt für mich nicht in Frage."

Kirche und Fischer sind untrennbar verbunden: Elke Raths und Küster Klaus Zerbe in ihrer Kirche
vor dem Modell des alten Kahns „Schlu.2a". Mit Kerzen wird der Verstorbenen gedacht.

In der Straße Hintern Höfen restauriert Henning Thyen mit seinen Leuten eine alte Kate, die bald das Atelier des Bildhausers Winni Schaak (51) sein wird. Seit zehn Jahren lebt der Chef der Zimmerei in Schlutup. „Ich mag die Wassernähe und ich lebe gerne am Stadtrand", bekennt der 47-Jährige. „Hier gibt es noch Nachbarn."


Ingrid Hennig ° liebt die Spaziergänge mit ihrem Hund „Charly" am Schlutuper Fischereihafen. Sie kann sich nicht vorstellen, woanders zu leben.
Wer zum Hafen will, für den geht's abwärts. Auf der Schlutuper Wiek kräuseln sich die Wellen. Segelschiffe und Motorboote dümpeln im Wasser. Die Stimmung ist friedvoll, fast kitschig. Ingrid Hennig (63) geht mit Hund „Charly" spazieren. Seit 25 Jahren lebt sie an der Mecklenburger Straße: „Wo heute der Pizzabäcker ist, habe ich früher im Kiosk gearbeitet." Mit ihrem Mann Peter hat sie sich eine Wohnung gekauft. Sie will auf „keinen Fall nach Lübeck zurück, sondern in Schlutup alt werden".

Was gefällt Ihnen an Schlutups altem Kern, wird Renate Walter (59) gefragt, die vor ihrem Haus in der Kirchstraße gemeinsam mit Enkel Constantin (3) ein Beet harkt. „Kommen Sie mal mit", antwortet sie burschikos und führt den Gesprächspartner quer durchs Haus auf die Terrasse. Von dort aus bietet sich gut 20 Meter oberhalb des Hafens ein so traumhaft schöner Blick über die Wiek nach Mecklenburg und Travemünde, dass einem die Augen tränen. „Deshalb bin ich mit meinem Mann nach Schlutup gezogen", sagt Renate Walter.

Für so einen Ausblick müsste man Eintrittsgeld verlangen: Renate Walter auf ihrer Terrasse mit
den Enkeln Justus (11) und Constantin (3). Das Haus steht rund 20 Meter oberhalb der Wiek.

 

Wissenswert: Slut up

Schlutup ist ein altes Fischerdorf am Breitling. Der Ort am unteren Lauf der Trave ist mit seinen 6000 Einwohnern der kleinste Stadtteil Lübecks. Schlutup liegt östlich der Trave und wird durch die ausgedehnten Wälder des Lauerholzes vom Stadtteil St. Gertrud getrennt. Für die Lübecker Hafen-Gesellschaft ist Schlutup ein wichtiger Standort. Dort wird vor allem Papier und Zellulose umgeschlagen. Bis zur Deutschen Einheit 1990 lag der Ort direkt an der innerdeutschen Grenze. Der Grenzstein „Slut up" (Foto) erinnert noch heute an den Eisernen Vorhang.

 

Leser-Meinungen  (LN vom 1.7.09)

Schlutups Probleme   von Jürgen Schreiber Lübeck

Zum Artikel „Stadtspaziergang: Gelebte Idylle rund um Schlutups Hafen" schreibt der Vorsitzende des Gemeinnützigen Vereins Lübeck-Schlutup:

Schlutup ist weniger ein Stadtteil von Lübeck als vielmehr ein Dorf, das zu Lübeck gehört. Naherholungsgebiet, Schwimmbad, Sportanlagen, Yachthafen und eine Vielzahl von aktiven und sehr gut zusammenarbeitenden Vereinen machen Schlutup zu einem interessanten Wohnstandort.

Man darf aber auch nicht darüber hinwegsehen, dass es noch Probleme in Schlutup gibt, die es zu bewältigen gilt. So ist das alte Wartehäuschen auf dem Markt ein Schandfleck, der im Zuge der geforderten Sanierung des Platzes abgerissen werden muss. Das unter Denkmalschutz stehende Gasthaus zum Schwan ist im vorderen Bereich der überdachten Terrasse einsturzgefährdet, aber weder der Eigentümer noch die Denkmalpflege kümmern sich darum. Auch die alte Wassermühle ist dem Verfall preisgegeben, da der Eigentümer nichts für den Erhalt tut.

Damit werden Gebäude, die das Bild des Ortes immer geprägt haben und Relikte alter Zeit sind, durch Desinteresse vernichtet. Die Schuld daran darf man aber nicht allein nur auf die Eigentümer schieben.