Dokumentationen: (Themen in Schlutup)

 

 

  LN 10.10.2007 von Sebastian Prey - Fotos: Jelonek, Maxwitat, Prey

   

   Wo wir leben 
  Lübecks Stadtteile

   

Im Jahr 1225 erstmals erwähnt: Die lange Geschichte ist erst im Ortskern zu erkennen

Schlutup - das alte Fischerdorf ist eine kleine Insel

Früher bestimmten Fischer das Leben in Schlutup. Heute stehen Hafen und Industrie im Mittelpunkt. Der dörfliche Charakter ist aber geblieben - ein Streifzug.

 

Ein schwerer 40-Tonner poltert über die Mecklenburger Straße. Der Trucker hupt und winkt. Der Mann am Lenker grüßt Ulrich Schwarz, den Mann von der „Grünen Bude". Der Imbiss und Kiosk am Straßenrand ist Kult, seit 1961 ist er die Pausenstation. Der 62-jährige Schwarz steht dort seit 1975 hinterm Tresen. Viele der Berufskraftfahrer, die Industriewaren holen oder bringen, setzen die „Grüne Bude" mit Schlutup gleich. Den ursprünglichen Ort sehen sie nie. Die Hafenanlage mit einem jährlichen Umschlag von 1,4 Millionen Tonnen oder die Fischfabrik Hawesta liegen vor dem eigentlichen Ortskern. „Die ,Grüne Bude' kennen sie aber alle", frohlockt Schwarz. Die Beweise kleben an der Wand im Imbiss - Postkarten aus aller Welt grüßen Uli in Schlutup.

Wer aber mehr kennenlernen will als eine Currywurst aus Schlutup, muss die eher tristen Zufahrtstraßen aus Wesloe und Israelsdorf bis zum Ende fahren - vorbei an Industriehallen und -baracken. Im alten Dorfkern ist die lange Geschichte Schlutups dann deutlich sichtbar. Das alte Kopfsteinpflaster wurde zwar asphaltiert, aber die kleinen, engen Straßen um die St. Andreas-Kirche (1436 erbaut) sowie die überwiegend roten Backstein- und Fachwerkbauten laden zum Verweilen ein. „Wir wohnen im Museum, aber merken es gar nicht. Das ist für uns alles ganz normal", sagt Adelheid Willwater. Die 76-Jährige bewohnt wohl das älteste Haus im alten Ortskern. Das Zweiständer-Fachwerkhaus im Bögengang wurde 1629 erbaut. Adelheid Willwater lebt seit 1953 darin. „Ich bin auf der Flucht hier hängengeblieben", erzählt die Witwe eines Fischermeisters. Das von einem gepflegten, kleinen Garten umgebene Haus ist nicht nur von außen eine Besonderheit. In der Wohnstube haben es sich 30 Teddys auf dem Sofa bequem gemacht. Dahinter schlummert ein kleines privates Schifffahrtsmuseum. Modellschiffe aller Art, alte, gerahmte Fischermeisterbriefe, Fotos sowie eine Aalreuse zieren dort die Wände. „Eigentlich schade, dass das hier kaum einer sieht", sagt Adelheid Willwater.

Das Haus ist aber auch ein sichtbares Zeichen der Veränderung im Ort. In den 60er Jahren lebten noch 20 Familien vom Fischfang. Heute fahren gerade noch zwei Fischer auf See raus. „Die fangen ja heute nichts mehr", sagt Andreas Schaller (46), Chef der Aal- und Fischräucherei Peter Steffen, „nur selten kann ich dort Ware bekommen." Den Fisch für seinen Großhandel kauft Schaller weltweit ein. Geräuchert wird die Ware dann aber in den vier Schlutuper Öfen. „Bis zu 250 Kilogramm am Tag", berichtet Schaller, der mit seinen sieben festen Mitarbeitern und drei Aushilfen mitten in der Altstadt arbeitet.

Statt einer Fischereiflotte bestimmen nun Freizeitsegler das Bild im beschaulichen Schlutuper Hafen. „Ein wunderbarer Liegeplatz", lobt Reederei-Inspektor Klaus Eggert. Der Hamburger macht seine „Biene" (eine Nordborg 38) fertig fürs Winterlager. „Das ist auch hier um die Ecke. Einfach praktisch", erklärt Eggert. Allerdings sieht die Winterlager-Umgebung entlang der Fabrikstraße nicht eben einladend aus - Hafen, Lagerhallen, Feuerwehr und Zoll und eine kleine Werft prägen hier das Bild. Lediglich einige Wochen im Frühjahr wirkt die trostlose Ecke belebt. Zur Jagd auf den Hering pilgern dann täglich hunderte Petrijünger zum Traveufer und machen fette Beute.

Wenn Anastasios Rachovicsas (67) mit seinem Motorroller durch Schlutup fährt, begleiten ihn überwiegend freundliche Blicke. „Viele winken mir auch zu. Man kennt mich", sagt der gebürtige Grieche, der seit 44 Jahren in Schlutup lebt. Seinen Roller hat er mit vier griechischen und einer deutschen Fahne geschmückt. Die Schlutuper akzeptieren ihn und seine Landsleute. Weit mehr als die Hälfte der 350 ausländischen Einwohner Schlutups haben ihre Wurzeln in Griechenland. Die meisten von ihnen stammen aus dem Dorf Paralimnio. Ganze Großfamilien sind Mitte der 60er Jahre als Gastarbeiter nach Schlutup gekommen, um bei Hawesta zu arbeiten.

Nicht nur der Zusammenhalt der griechischen Kolonie in Schlutup ist groß. Das Gemeinschaftsgefühl ist bei allen Schlutupern ausgeprägt, egal ob Altstadt- oder Siedlungsbewohner. So sind die jährlichen Stadtteilkonferenzen in Schlutup wesentlich besser besucht als in anderen Lübecker Stadtteilen. Seit mehr als 100 Jahren kümmert sich zudem der Gemeinnützige Verein um die Belange und Anliegen der Bewohner. Lange Zeit stand dabei der Verkehr im Mittelpunkt. Denn nach dem Mauerfall 1989 erstickte der einstige Grenzort im Straßenlärm. Mittlerweile hat sich die Situation vor allem durch den Bau der A 20 deutlich entspannt. Mit der Fertigstellung der zweiten Ortsumgehung im nächsten Jahr soll der Stadtteil dann noch stärker entlastet werden.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil im Stadtteil ist der TSV Schlutup. Das Areal wird von 1500 Mitgliedern genutzt und liegt am Palinger Weg - gleich neben dem weit über Schlutup hinaus geschätzten Freibad.


Die "Grüne Bude" von Ulrich Schwarz (62) ist für viele Berufskraftfahrer ein fester Anlaufpunkt in Schlutup.
 


Fischermeister-Witwe Adelheid Willwater (76)
lebt im ältesten Haus Schlutups
 


Saiblinge und Makrelen werden bei
Andreas Schaller (46) im Betrieb geräuchert -
bis zu 250 Kilogramm am Tag.
 


Die Marina in Schlutup ist überschaubar und ruhig.
das schätzen auch viele Yacht-Besitzer von auswärts.
 


Einer von knapp 200 Griechen in Schlutup:
Anastasios Rachovicsas (67) zeigt an
seinem Roller Flagge
 


Selbst seit Kindesbeinen im TSV Schlutup:
der erste Vorsitzende Volker Krause.

 

Kaianlagen und Kutter: Der Trumpf des Stadtteils ist die Nähe zum Wasser

 


Schlutup aus der Luft:  Am Traveufer liegen das Terminal Schlutup (1) und die Marina (2).
Zur Naherholung dienen zudem die Schwarze Heide (3), das Freibad (4)
sowie die Sportanlage des TSV Schlutup (5) am Palinger Weg und der Mühlenteich (6).
Markante Punkte im Stadtteil sind zudem der Markt (7) und der kleine Wald (8),
der die Landesgrenze markiert.

 


Umgeben von Wasser:
Vom Schlutuper Markt (7)
sind der Mühlenteich (6)
und auch die Marina (2)
nur praktisch einen Steinwurf entfernt.


Terminal Schlutup:
Etwa 90 Mitarbeiter haben hier ihren Arbeitsplatz.
Der jährliche Umschlag beträgt 1,4 Millionen Tonnen.

 

 

Schlutup in Zahlen

Einwohner

Anteil an Lübeck gesamt

Männliche Einwohner

Weibliche Einwohner

Einwohner unter 18

Einwohner über 65

Ausländeranteil

Einpersonenhaushalte

Fläche

Einwohner je qkm

Geburten 2006

Sterbefälle 2006

Zuzüge 2006

Fortzüge 2006

Evangelisch

Katholisch

Pkw-Bestand

5742

2,7%

2794

2948

1073

1303

6,1%

1063

8,38 qkm

685

41

78

364

397

3268

424

2852

Ihr Haus von oben

Lübeck aus der Luft: Wollen Sie auch Ihr Haus von oben sehen? Im LN-Pressehaus und in der LN-Geschäftsstelle Herren­holz können Sie Luftbilder ansehen und bestellen. Gemacht hat sie der Fotograf Matthias Friedel (www.luftbilder.de).

 

Wichtige Adressen:

TSV Schlutup von 1907
Palinger Weg 56 a
Telefon 0451/69 08 26

Willy-Brandt-Schule (IGS)
Schlutuper Kirchstr. 10
Telefon 0451/6194 11 10.

Freiwillige Feuerwehr Schlutup
Wes­loer Str. 1
Telefon 0451/69 09 79.

 

  

Woher der Name kommt

Die alte Bezeichnung „Slucup" heißt laut Lübeck-Lexikon „schluck weg" und deutet auf einen alten Übergang mit Krug hin. Die jüngere Schreibweise „Slut up" sei oft als „schließ auf" fehl gedeutet worden. Das Fischerdorf ist 1225 erstmals urkundlich erwähnt worden. Ab 1867 entwickelte sich in Schlutup die Fischindustrie.

Wo die Vorzüge liegen

Schlutup ist Lübecks Stadtteil mit der geringsten Kriminalität. Das liegt mit Sicherheit auch an der sozialen Kontrolle, denn in Schlutup kennt fast jeder jeden. Weitere Vorzüge: Die Bewohner haben es nicht weit zum Wasser und in die ausgedehnten Stadtforsten des Lauerholzes.

Wo die Probleme liegen

Schlutup hat viele schöne Ecken. Die sind aber nicht gleich auf den ersten Blick zu erkennen. Die Zufahrtstraßen Mecklenburger und Wesloer Straße führen durch trostloses Gebiet. Selbst der Schlutuper Markt wirkt verwahrlost und bedarf einer Verschönerung. Der Wochenmarkt besteht derzeit nur noch aus einem einzigen Stand.

 

Wer aus Schlutup kommt


Die Vorzüge im beschaulichen Schlutup genießt unter anderem der frü­here Revierförster Manfred Vesper, der nach seiner Pensionie-rung vom Forsthaus Wesloe in die Schlutuper Altstadt ge­zogen ist.


Der Obermeister der hiesigen Baugewerbe-Innung, Bertold Möller, lebt ebenfalls dort. Am Fuße der Kir­che St. Andreas be­wohnt Möller das alte Stadtpalais.


Auch der frühere Präses der Lübecker Kaufmannschaft, Hans-Jürgen Bockholdt, weiß die gute Lage zu schätzen. Umgeben von viel Grün und Wasser kann Bockholdt die großen Vorzüge Schlutups genießen.

 

 

Was wir an Schlutup lieben:
"Jeder kennt jeden, hier ist es friedlich und überschaubar"

     


Edith Staack (68), Hausfrau:
 „ Wir leben seit 1961 in Schlutup.
Die ruhige Lage gefällt mir besonders gut.
 Auswärtige sagen, dass wir ab vom
 Schuss liegen, aber das stört mich gar
 nicht. Schön ist auch, dass ich beim
Einkaufen immer bekannte Leute treffe.
Hier ist man nie alleine."


Wolfgang Land (52), Postbote:
„Ich selbst lebe auf Marli, aber irgendwie
 bin ich auch ein Schlutuper. Schließlich
 bin ich seit 32 Jahren in diesem Bezirk
 unterwegs und kenne mich bestens aus.
 Besonders gefällt mir mein täglicher Weg
 entlang der grünen Wiesen Am Teich."


Manuela Herber (39), Hausfrau: „
Ich bin mit meiner Familie erst vor
vier Jahren nach Schlutup gezogen.
Mir gefällt besonders der gute
Zusammenhalt. Meine drei Kinder sind
hier gut aufgehoben. Sie können schön draußen spielen, ohne dass ich mich
groß sorgen muss."


Mike Klotzbücher (42), Fernfahrer:
„Meine Ehefrau ist eine alte Schlutuperin.
 Ich bin gern von Eichholz hierher gezogen.
Es ist friedlich und überschaubar.
Man kann auch mal das Auto
stehenlassen, ohne abzuschließen.
Das ist wohl in keinem anderen


Tanja Hopp (36), Reno-Gehilfin:
„Ich wohne mein ganzes Leben lang in
Schlutup, würde hier nie freiwillig
wegziehen. Viele alte Bekannte aus meiner
Jugendzeit sind auch wieder zurück
gekommen. In Schlutup ist man für sich,
und die Stadt ist auch nicht weit entfernt."


Tobias Steffen (31), Zeitschriftenhändler:
„Ich kann fast jeden Kunden mit
Handschlag begrüßen. Wir hatten sogar
 schon zwei Lotto-Millionäre. Aber wer
das ist, bleibt natürlich geheim.
Auch in einem Dorf wie Schlutup muss
man schließlich schweigen können."


Lisa Lohff (69), Hausfrau:
„Meine Kinder sind hier gut
aufgewachsen. In den ersten Jahren in
Schlutup hat mich immer der starke
Fischgeruch gestört. Doch die Zeiten der
Geruchsbelästigung sind ja zum Glück
 schon lange vorbei. Der Stadtteil hat sich
über die Jahre sehr gut entwickelt."


Peter Bengelsdorf (69), Jurist:
„ Ich lebe mit meiner Frau Helga in der
 alten Schmiede. Es ist mein Elternhaus,
 und das ist auch in erster Linie der Grund,
 warum ich nach 30 Jahren in Kiel wieder
hierher zurückgekehrt bin. Ich finde,
Schlutup könnte schon etwas
gepflegter sein."


Hildegard Gronau (73), ehemalige Hauswirtschafterin: Jn Schlutup wohne
ich umgeben von Wald und Wasser.
Es gibt auch ausreichend
 Einkaufsmöglichkeiten. Wir haben hier
 vor zehn Jahren eine Wohnung gekauft
und diese Entscheidung bis heute
nicht bereut."


Simone Markow (34), Hausfrau:
„Als Mutter von drei Kindern kann man
sich kein besseres Umfeld wünschen.
Schlutup ist eine kleine Insel, die alles hat:
Kindergarten, Schule, Sportverein,
Freibad und Einkauf smöglichkeiten.
Dazu ist es hier schön ruhig. Wir wohnen
wirklich sehr gerne hier.


Stavros Kakaralis (45), Arbeiter:
„Meine Eltern sind vor 40 Jahren nach
Schlutup gekommen. Damals haben sie
bei Hawesta gearbeitet. Ich fühle mich
hier zu Hause Es ist wirklich ein
schönes und gutes Dorf. Zumal auch
noch ganz viele andere Griechen
hier leben."


Henning Drever (16), Schüler:
„Seit meiner Geburt lebe ich in Schlutup.
Hier kennt jeder jeden und der Zusammenhalt, besonders im
Fußballverein, ist riesengroß.
Mittlerweile muss ich zur Schule in
die Stadt fahren. Aber das stört mich nicht.
Ich fühle mich hier wohl

 

 

 
Mein Schlutup
von Horst P. Schwanke (66),
Heimatforscher und Schlutup-Urgestein

Der schönste Fleck
„Schlutups alter Kern um die Kirche
St. Andreas ist ein Ort zum Wohlfühlen.
Die Ecke ist nicht nur geschichtsträchtig,
sondern auch mit Leben erfüllt.
Hier gibt es einen Kindergarten und
eine Schule. Besonders, wenn
Kinderstimmen und -lachen in den
kleinen Gassen zu hören sind,
bin ich gerne auf der Straße.
Dass mein Lieblingsort zugleich mein
Wohnort ist, ist natürlich eine
tolle Sache."


St. Andreas ist die „Filial-Kirche", also eine Außenstelle von St. Jakobi.

Die beste Kneipe
„Schlutup hatte früher jede Menge
Gasthäuser. Da sind viele Lübecker
in unseren Stadtteil gekommen.
Leider ist die Tradition nicht mehr
vorhanden. Besonders beliebt bei den
Schlutupern ist der neue
,kleine Grieche'. In dem Lokal fühlt
man sich schon ein wenig wie auf Kreta."
Inhaber Atanasios Tsakos (26) hat
besonders viele Fisch-Spezialitäten auf
der Karte seiner „Taverna 0 Sakis".


Atanasios Tsakos führt die Taverne in der Mecklenburger Straße

Die schönste Wanderung
„Die Mühlenwanderungen sind ein
Phänomen. Seit 2002 sind etwa
1600 Menschen mit mir auf Mühlen-
Erkundungstour gewesen. Mit solch
einer Resonanz hat eigentlich keiner
gerechnet. Diese dreistündige
Wanderung hat sich mehr und mehr zu
einer Schlutup-Erkundung entwickelt.
Das Besondere dabei ist, dass Dinge
gezeigt werden, die es größtenteils
nicht mehr gibt."


An der alten Papiermühle beginnt die Wanderung.