Dokumentationen: (Themen in Schlutup)

 

  LN 4./5.5.2003

  Bericht: Gerhard Krüger / Fotos: Wolfgang Maxwitat

  

Fischfeinkost-Unternehmen der Familie Steffen besteht seit 125 Jahren

Bei Anker schmeckt der Chef noch selbst ab 

  

Dassow - Seit 119 Jahren war das Familienunternehmen fest im Lübecker Fischerdorf Schlutup verankert. Dann machten neue Hygienebestimmungen der EU einen Kurs- und Ortswechsel nötig. Die Anker Fisch- und Feinkostfabrik, die in diesem Jahr seit 125 Jahren besteht, zog 1997 nach Dassow (Nordwestmecklenburg) in neue Fabrikationsräume um.

Alles Hering, seit 1878 - was denn sonst? Die Gesellschafter der Anker GmbH
mit ihren Produkten von links: Seniorchef Fritz Steffen (69), zuständig für die
Produktionsleitung und Geschäftsführer Michael Steffen (32)

In den Supermärkten wird man die Produkte des Heringsspezialisten Anker aus Dassow vergeblich suchen. Wer kann denn auch schon 32 Rollmöpse in einer großen Plastikschale gebrauchen - wenn er nicht gerade eine große Fete feiern will? Der Discounter mit Superbilligpreisen passe nicht ins Konzept von Anker, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Michael Stoffen. „Wir beliefern den Fachgroßhandel, der die Hotellerie, die Gastronomie und Großküchen mit Brat- und Bismarckheringen, Hering in Gelee oder Kronsild versorgt. Ins Billigsortiment wollen wir gar nicht hinein. Wir setzen auf Premium-Qualität."

Das ist auch das Erfolgsrezept der vor 125 Jahren in Lübeck-Schlutup gegründeten Familienfirma. Und um höchste Qualität zu produzieren, kommt es laut Steffen ganz wesentlich auf eine hervorragende Rohware an. „Wir kaufen immer dort ein, wo es gerade den besten Hering gibt. Entscheidend sind der Fettgehalt und die Qualität des Schnitts."

1000 Tonnen Fisch werden pro Jahr im Gewerbegebiet Dassow angeliefert. Die Rohware kommt je nach Saison aus der Ostsee, der Nordsee, aus Kanada, Norwegen, Schottland und Island. In den 1997 bezogenen neuen Fabrikationshallen werden aus Heringen mit Hilfe geheimer, uralter Familienrezepte Delikatessen. Damit die Qualität stimmt, schmeckt der Chef die Aufgüsse und Marinaden selbst ab. Steffen: „Man muss sich in seinem Betrieb auskennen und - wenn nötig - alles selber machen können." An Gewürzen und Zutaten werde nicht gespart. „Der Kunde muss den Unterschied zu Produkten anderer Anbieter schmecken." Offenbar stimmt das Konzept. Denn Anker konnte auf internationalem Parkett bereits sechs Goldmedaillen für seine Produkte erringen.

Neben guter Rohware und leckeren Rezepturen spielt die Handarbeit bei Anker nach wie vor eine große Rolle. Das gilt für die Entnahme der Gräte des Herings ebenso wie für das Einpanieren. „Nur so erzielen wir den unverwechselbaren Geschmack." Rationalisierung wo möglich, Handarbeit wo nötig, lautet das Credo.

35 Mitarbeiter, davon 28 Frauen, sind bei Anker tätig. Sie kommen zum größten Teil aus Nordwestmecklenburg. Jahresumsatz: 2,5 Millionen Euro. Aus Anlass des Jubiläums wurde die Anker-Steffen-Stiftung zur Förderung der Umwelt, der Jugend und des Sports gegründet.

Kann der Anker-Junior-Chef Fisch überhaupt noch sehen? „Oh ja", lacht Steffen. „Mein Favorit ist Bratfisch in Gelee!"

 

 

So kommt der Hering in die Dose


Der Hering wird per Hand von Heidi Pehlke (44) eingemehlt.
Das schafft keine Maschine so schön und gleichmäßig.

 


Die panierten Heringe legt Susanne Raffel (39) per Hand in die Bratpfanne.
Das gewährleistet einen gleichmäßigen Bratprozess.

 


Die bei 170 Grad gebratenen Heringe verlassen die Bratstraße und werden von (v.l.) Dorthe Liedke (36), Barbara Frenzel (44), Sigrid Simon (39), Meropi Tsakov (54) und Ellen Mohn (36) in die bereit stehenden Dosen gepackt und gewogen.

 


Nachdem die Bratheringe ihren Aufguss bekommen haben, werden die Dosen
von Manuela Kreutzfeld (42, links) und Rita Knabe (40) "gedeckelt".

 

 

Brathering a la Steffen

So bereiten Sie einen Brathering nach dem Rezept von Anker-Chef Michael Steffen selbst zu:

Heringe (ohne Kopf und ausgenommen) unter fließendem Wasser säubern.
Leicht einsalzen (innen in der Bauchhöhle und außen). Mit Weizenmehl panieren.

15 Minuten ruhen lassen.

Inzwischen:

Pfanne mit Pflanzenöl erhitzen (empfohlen: Rapsöl).
Panierten Hering ca. 3 Minuten auf jeder Seite braten, bis er goldbraun ist.

Entweder heiß verzehren oder eine Marinade aus Wasser, Kräuteressig, Salz und Zucker nach Geschmack zubereiten (Verhältnis Marinade zu Fisch l : l). Mit Sojasauce abrunden.
Hering direkt aus der Pfanne in der Marinade einlegen.
Mit frischen Zwiebelringen, Lorbeerblättern und Wacholderbeeren garnieren.

2 Tage im Kühlschrank durchziehen lassen, eventuell etwas Essig ergänzen, wenn zu milde.

Zum Verzehr eine Stunde vorher aus dem Kühlschrank nehmen.

Beilagen: Graubrot, Bratkartoffeln oder Musskartoffeln und Speckstippe.

 

 

Kontinuität seit fünf Generationen

1878: Fritz Steffen gründet die Anker-Fischkonservenfabrik in Lübeck-Schlutup. Zunächst wird eine Fisch-Räucherei errichtet.

1894: Der Betrieb wird um eine neu erbaute Braterei sowie um einen Marinierbetrieb erweitert. Hergestellt werden bereits damals Bismarckheringe, Rollmöpse, Kronsardinen und vor allem Bratheringe. Zusätzlich handelt man im Herbst mit finnischen Preiselbeeren.

1910: Der Gründer verstirbt. Seine Söhne Johann und Fritz führen den Betrieb weiter. Hering in Gelee wird ins Produktionsprogramm aufgenommen und Schlesien, Ostpreußen, Sachsen, Thüringen, Mitteldeutschland sowie Oberfranken als neue Absatzgebiete hinzugewonnen.

1928: Anker feiert sein 50-jähriges Firmen Jubiläum und beschäftigt 150 Mitarbeiter. 1934: Nach dem Tod des Mitinhabers Fritz Steffen führt Johann Steffen den Betrieb alleine weiter.

1938/39: Der Betrieb wird zur Herstellung von Vollkonserven erweitert. Nach Kriegsbeginn wird hauptsächlich für die Wehrmacht produziert.

1946: Johann Steffen nimmt seine Söhne Fritz und Karl als Mitinhaber auf. Nach Kriegsende gehen 85 Prozent der Absatzgebiete verloren.

1951: Produktion steht still.

1952: Neuer Produktionsbeginn.

1965: Durch die Massenfertigung wird der Preiskampf immer härter. Deshalb gibt Anker die Herstellung von Dauerkonserven in Sauce und Öl auf. Spezialisierung auf Großgebinde.

1969: Fritz Steffen, Sohn des 1951 verstorbenen Fritz Steffen tritt in die Firma ein.

1978: Anker wird 100. Fritz Steffen führt die Firma als Alleininhaber weiter.

1993: Die Kinder Claudia und Michael Steffen treten als fünfte Generation in die Firma ein.

1997: Umzug nach Dassow (Investitionen: 2,5 Mio Euro). GmbH-Gesellschafter: Fritz, Michael und Claudia Steffen.

 

Firmengründer Fritz Steffen.
Sein Motto: Gott mit uns.

Das Foto aus den 20er Jahren zeigt die Verpackung
der schon damals sehr beliebten Anker-Bratheringe